Don-Bosco-Talk 2026: Vertrauen und Zuversicht in der Jugendsozialarbeit
Am Freitag, dem 30. Januar, lud die Manege gGmbH anlässlich des Don-Bosco-Fests zu einem Impulsvortrag mit anschließendem Deep Dive zum Thema „Vertrauen und Zuversicht in der Jugendsozialarbeit“ ein. Fachkräfte aus Jugendhilfe, Bildung und Förderstrukturen diskutierten dabei aktuelle Herausforderungen für junge Menschen sowie die Frage, welche Rolle verlässliche Beziehungen und tragfähige Strukturen für gelingende Jugendsozialarbeit spielen.
Dominik Ringler, stellvertretender Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendhilfe, stellte die zentralen Ergebnisse des 17. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung vor, an dem er als Mitglied im Sachverständigenrat mitgewirkt hat. Dabei betonte er insbesondere die Bedeutung von Vertrauen für die Jugendsozialarbeit: Was müssen Jugendsozialarbeit und Jugendhilfe leisten, um das Vertrauen junger Menschen zu gewinnen und zu erhalten? Und wie müssen Institutionen gestaltet sein, damit Vertrauen entstehen kann?
Jungsein geprägt durch Krisen und Druck
Der 17. Kinder- und Jugendbericht, an dem über 5.000 Jugendliche beteiligt waren, zeigt laut Ringler, dass Jungsein heute stark von Krisen und Druck geprägt ist. Die befragten Jugendlichen zeigten sich informiert und reflektiert und nannten vor allem den Klimawandel, die Kriege in der Ukraine und Gaza sowie die Folgen der Pandemie als zentrale Quellen von Unsicherheit. Gleichzeitig erleben viele junge Menschen einen hohen Druck seitens Gesellschaft und Politik, Abschlüsse zu erreichen, Übergänge zu bewältigen und so dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Hinzu kommt die Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht, die ebenfalls hohe Erwartungen an junge Menschen heranträgt.
Der Bericht macht zudem deutlich, dass dieser Druck sehr ungleich verteilt ist. Armut, prekäre Wohnsituationen in einem von Wohnraummangel geprägten Umfeld, Diskriminierung aufgrund multipler Faktoren – etwa Herkunft, sozioökonomische Situation, sexuelle Ausrichtung oder Religion – sowie ungleicher Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung erhöhen den Druck auf diejenigen, die ohnehin benachteiligt sind. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie das System mit Fehlern junger Menschen umgeht, denn die „Fehlermarge" ist sehr ungleich verteilt: Für marginalisierte Jugendliche haben Fehler häufig deutlich schwerwiegendere Folgen.
Diversität und Zuversicht als Grundlagen für gelingende Jugendsozialarbeit
Zum Abschluss seines Vortrags gab Ringler Impulse für die Jugendsozialarbeit und stellte zentrale Fragen in den Raum: Wie kann gerechtes Aufwachsen gelingen? Und welchen Beitrag kann die Kinder- und Jugendhilfe dazu leisten? Dabei benannte er insbesondere die Themen Diversität und Zuversicht als zentrale Orientierungspunkte für die Praxis.
Dabei bedeute Diversität, passgenaue Zugänge zu schaffen, ohne auszuschließen. Entscheidend ist dabei die Frage: Welche Jugendlichen erreichen wir aktuell nicht – und warum?
Zuversicht, so Ringler, entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Rahmenbedingungen, die Vertrauen ermöglichen. Wichtige Voraussetzungen dafür sind Fairness, Respekt, Mitbestimmung, Transparenz und Verlässlichkeit. Gerade weil Jugendsozialarbeit häufig an Übergängen und Bruchstellen stattfindet, an denen Zuständigkeiten und Abläufe für junge Menschen schwer durchschaubar sind, kommt stabilen Beziehungen eine besondere Bedeutung zu („Beziehung vor Beschleunigung“). Ebenso wichtig sind Transparenz, Freiwilligkeit und Autonomie sowie die Anerkennung der Würde junger Menschen.
Prodiumsgespräch gibt Einblicke in die Praxis
Im Anschluss an den Impulsvortrag fand ein thematischer Deep-Dive unter der Moderation von Stefan Bauer, Leiter des Jugendpastoralinstituts Benediktbeuern, statt. Teilnehmende waren Felix Dresewski, Geschäftsführer der Dohle-Stiftung, Daniela Hartmann, langjährige Manege-Mitarbeiterin und heute Leiterin des Bildungsgangs Erzieher/in an der Bergschule St. Elisabeth Heiligenstadt, sowie Thomas Zintl, Einrichtungsleiter des Don-Bosco-Zentrums in Regensburg.
Thomas Zintl schilderte, wie Jugendliche durch Wohnungslosigkeit in Abhängigkeitsverhältnisse geraten und dadurch zusätzlich unter Druck stehen – auch in einer „kuscheligen Kleinstadt" wie Regensburg, in der Wohnraummangel ebenfalls ein akutes Problem ist. Dabei wurde deutlich, wie stark solche Erfahrungen das Vertrauen in Institutionen prägen. Jugendliche erleben Jugendsozialarbeitende häufig als Vertreter*innen von Institutionen, denen sie misstrauen, weil sie bisher nicht die Erfahrung gemacht haben, dass Einrichtungen wie Kindergarten, Schule oder Jugendamt auf ihrer Seite stehen und ihre Situation wirklich verstehen.
Daniela Hartmann betonte die Bedeutung der Ausbildung von Erzieher*innen. Es sei wichtig, bereits in der Ausbildung den Blick für unterschiedliche Lebensrealitäten zu öffnen, damit angehende Fachkräfte Lebenssituationen, die ihnen vielleicht fremd sind, besser erkennen, Vorurteilen begegnen und die Lebenslagen junger Menschen und Familien in prekären Situationen realistischer einschätzen können.
„Noch wichtiger sind Werte und Haltung"
Felix Dresewski wurde gefragt, wo er den größten strukturellen Druck auf junge Menschen sieht und welche Verantwortung Stiftungen und Förderinstitutionen übernehmen können. Er betonte, dass Stiftungen in der Regel nicht direkt mit jungen Menschen arbeiten, sondern mit Einrichtungen der Jugendsozialarbeit. Der Druck auf junge Menschen werde daher vor allem über die Situation der Partnereinrichtungen sichtbar.
In der Stiftungswelt werde intensiv darüber diskutiert, wie Vertrauen gesichert werden kann. Dabei rücke schnell die Qualität von Prozessen in den Mittelpunkt. Auch wenn gute Prozesse wichtig seien, seien Haltung und Werte häufig entscheidend. Vertrauen entstehe nicht allein durch gute Verfahren, sondern auch durch Zuversicht.
Einigkeit bestand bei den Diskutierenden und im Publikum darüber, dass eine verlässliche Förderung der Jugendsozialarbeit durch den Gesetzgeber dringend notwendig ist. Nur so können stabile Strukturen entstehen, die Vertrauen und Zuversicht ermöglichen und gerechtes Aufwachsen auch in einem wohlhabenden Land sichern.
Text: Julia Ritter; Foto: Levin Tröster
